Silas Wolf
10. Semester Interfacedesign
Fachhochschule Potsdam
Juni 2025
Diese Frage, die ich mir schon vor etwa drei Jahren in meinem Kolloquium gestellt habe, ist für mich bis heute kein Stück weniger relevant. Sie entstammt einem Werbespruch von »zwanzig52: Fragen an die Welt von morgen«, einem Kongress an der Folkwang Universität der Künste im Jahr 2016. Damals stellte ich fest, dass der Beruf des Designers bzw. der Designerin eine unglaubliche Macht in sich birgt und die Möglichkeit mit sich bringt, sowohl einzelne Menschen als auch die Gesellschaft zu gestalten und zu beeinflussen. Jetzt blicke ich auf zehn Semester Studium zurück und möchte einen Einblick in einige meiner relevantesten Arbeiten geben.
Was wäre, wenn die Stadt gleichwertig und für alle Lebewesen gerecht gestaltet werden würde?
Die Beobachtung unserer Macht wurde mir erstmals klar, als ich im zweiten Semester gemeinsam mit Tillman Finner ein experimentelles Stadtplanungs-Spiel entwickelte. In einer Evaluation am Ende jeder Spielrunde kamen wir mit den Spieler:innen ins Gespräch. Diese Nähe ließ mich zum ersten Mal erkennen, wie viel oder wie wenig sich Menschen mit dem von mir gestalteten Objekt auseinandersetzen und welche Denkanstöße es ihnen gibt. Zu sehen, wie Menschen nach unserem Spiel mit neuen Gedanken, Ideen und einem anderen Blick auf ihr eigenes Umfeld weitergingen, war bereichernd.
Mit dem Projekt gewannen wir 2022 sogar den »Visualising Cities«-Preis in der Kategorie »Student«; im Dezember 2024 bekamen wir eine weitere Anfrage vom Fachbereich »Architektur – Stadtplanung – Landschaftsplanung« der Uni Kassel, drei Exemplare für die Lehre herzustellen. Wir sind glücklich, dass das Projekt einer größeren Gruppe bekannt gemacht und nun unabhängig von uns gespielt wird und die Inhalte diskutiert werden.
3.–7. Semester
Meinen Wunsch Dinge zu gestalten lebte ich außerdem in der Gremienarbeit aus. Ich wanderte von der Campus-Ambulanz über den StuRa in den Fachbereichsrat und schließlich in den Prüfungsausschuss. So verbrachte ich drei Jahre meines Studiums auch mit Hochschulpolitik und setzte mich für die Studierendenschaft und den Campus ein.
3. Semester
Prof. Myriel Milicevic
3. Semester
Prof. Dr Sebastian Meier
Wie lassen sich Arbeit, Informationen und Medien abseits des digitalen Dokuments auf dem Computer darstellen?
Dieses Projekt eröffnete mir ein ganz neues Spektrum an Erkenntnissen, wie Software, die wir gestalten, unsere Gesellschaft beeinflusst. Neben einer unglaublich zeitintensiven Gruppenarbeit zusammen mit Jona Pomerance und Carl Linz setze ich mich sowohl mit dem User Interface als auch den mentalen Modellen von Datei Management in bestehenden Betriebsystemen auseinander. Indem wir als Designer:innen festlegen, wie wir mit Daten im digitalen Raum interagieren, erzeugen wir Realitäten und beeinflussen maßgeblich, wie das Digitale unsere reale Umwelt beeinflußt. Systeme dieser Art werden uns vermutlich auf unabsehbare Zeit begleiten; daher ist die gewissenhafte Gestaltung unabdingbar.
4.–6. Semester
Prof. Dr. Sebastian Meier
8. Semester
Frank Rausch
Vor diesem Kurs hatte ich mich noch nie im Detail mit der Gestaltung von Leitsystemen beschäftigt, jedoch bemerkte ich schnell, dass mir meine Herangehensweise aus dem digitalen UX-Design auch hier behilflich sein konnte. Leitsysteme müssen unbedingt aus der Perspektive der Nutzenden betrachtet werden, und man kommt nicht darum herum, mit ihnen zu sprechen. Gemeinsam mit Carl Linz entwickelten wir ein modulares Leitsystem für die FHP.
Ein zentraler Bestandteil des Prozesses waren Maßnahmen zur Barrierefreiheit, und viele Prinzipien, die ich bereits aus dem digitalen Bereich kannte, wandten wir auch auf die physische Welt an.
Dieser Kurs lehrte mich, wie wichtig eine ganzheitliche Betrachtung von Problemen ist, damit am Ende Lösungen entstehen, die für den Großteil der Menschen praktikabel und ansprechend sind. Auch hier – im Fall eines physischen Leitsystems – merkt man schnell, wie sehr Design die Realität formt und ob es Menschen den Zugang erleichtert oder erschwert.
6. & 9. Semester
feat. Prof. Dr. Marion Godau
Im Herbst 2022 entdeckte ich das Buch CAPS LOCK von Ruben Pater auf der Dutch Design Week in Eindhoven. Es hatte in diesem Jahr einen Dutch Design Award gewonnen. Das Buch behandelt die Verstrickungen von Grafikdesign und Kapitalismus und betont die treibende Rolle des Designs.
Da ich dieses Thema für unglaublich wichtig halte und bisher nicht das gefühl hatte, dass diese Thema genug Raum in unserer Lehre hat, bot ich im Sommersemester 2022 einen Kurs an, der auf dem Buch basierte. Auf theoretischer Ebene behandelten wir den Inhalt des Buches und versuchten, das Gelernte in die antikapitalistische Designpraxis zu überführen. Dazu nahmen wir Kontakt mit gemeinnützigen Organisationen auf und prüften, wie wir sie mit unserer Expertise unterstützen können. Der Kurs stieß auf großen Anklang, und die Beteiligung war rege, da dieses Thema in seiner Dringlichkeit bisher kaum Raum in unserer Lehre findet.
Drei Semester später im Wintersemester 2024/25 bot ich erneut einen Kurs zum Buch an, diesmal jedoch mit der weiterführenden Aufgabe, auf dieser Grundlage ein systemkritisches Design-Netzwerk zu gründen.
Durch diese Kurse ergab sich für mich eine ganz neue Möglichkeit der Gestaltung. Bis auf ein paar Tutorien hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Erfahrung in der Lehre sammeln können und merkte schnell, dass sie mir große Freude bereitete. Die Resonanz auf die Kurse war überragend, und selbst Semester später hörte ich noch von positiven Eindrücken, die der erste Kurs hinterlassen hatte. Diese Erfahrung zeigte mir, dass wir die Möglichkeit haben, schon in der Lehre eine kritische Auseinandersetzung mit dem Bestehenden zu fördern und das Design von morgen zu beeinflussen.
Das im zweiten Kurs entstandene Netzwerk »Collective Change«, wird auch nach meinem Abschluss weitergeführt. Ich bin gespannt, wie es sich entwickeln wird und welche Projekte daraus hervorgehen.
Mit Beginn meines Studiums bot sich mir direkt die Möglichkeit zur Selbstständigkeit, und so wanderte ich von der Deutschen Oper am Rhein über kleine Designstudios und Start-ups bis hin zur Deutschen Bahn. Dabei wandelte sich mein Profil vom klassischen Grafikdesign mit Schwerpunkt auf Printmedien und Werbeanimationen über interaktive Instagram-AR-Filter hin zu UI/UX-Projekten. Nach vier Jahren – Ende 2023 – hing ich meine Selbstständigkeit an den Nagel, da ich im August 2023 gemeinsam mit Hanne Dahlmann, Carl Linz und Eric Wätke das Design- und Development-Studio
Die Selbstständigkeit würde ich in meiner bisherigen Laufbahn als Designer genauso wichtig erachten, wie mein Studium. Ich hatte stets die Möglichkeit, Gelerntes direkt in der Praxis anzuwenden und war kontinuierlich im Kontakt mit Kund:innen. Dies ist eine nicht zu unterschätzende Qualifikation, für die wir im Studium kaum eine Gelegenheit haben, sie zu erlernen. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich ohne diese Erfahrung zu diesem Zeitpunkt ein deutlich schlechterer Designer wäre.
» All (people) [...] are designers. All that we do, almost all the time, is design, for design is basic to all human activity. The planning and patterning of any act towards a desired, foreseeable end constitutes the design process. Any attempt to separate design, to make it a thing-by-itself, works counter to the inherent value, of design as the primary underlying matrix of life. «
~ Victor Papanek
Nach meinem Kolloquium vor drei Jahren kam ich zu dem Schluss, dass Designer:innen die Macht haben und sie auch schon immer hatten. Am Ende ist diese Erkenntnis keine neue. Wenn man – ganz im Sinne von Papanek – davon ausgeht, dass alle Menschen Designer:innen sind, dann bedeutet dies letztlich, dass alle Menschen inklusive aller Designer:innen die Möglichkeit haben, etwas zu verändern.
Mit diesem Gedanken gehe ich aus dem Studium und bin mir bewusst, dass ich mit den mir gegebenen Mitteln gewissenhaft umgehen und die Welt zum Besseren verändern werde.
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Silas Wolf
10. Semester Interfacedesign
Fachhochschule Potsdam
silas.wolf@solidjellycube.de